BAG-BEK-Tagung beleuchtet KiTas in der Corona-Krise

Die aktuellen Auswirkungen und Herausforderungen der Corona-Pandemie auf die Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung standen im Fokus der digitalen Herbsttagung der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der frühen Kindheit (BAG-BEK). Die BAG-BEK-Vorsitzende Prof. Dr. Tina Friedrich freute sich zur Begrüßung über die „tolle Resonanz“ auf die digitale Premiere mit fast 200 Anmeldungen aus allen Bereichen der frühkindlichen Bildung – von der KiTa-Praxis über Fachberatungen, Träger-Vertreter*innen, Aus- und Weiterbildner*innen bis zur Hochschule und Forschung. Exemplarisch funktionierte somit der interdisziplinäre Vernetzungsansatz der BAK-BEK.

 

Zwischen Überforderung und Marginalisierung

In einem Impuls zum Auftakt beleuchtete BAG-BEK Vorstand und ver.di-Referentin Elke Alsago ein Kita-System „Zwischen Überforderung und Marginalisierung“. Die Fachkräfte seien seit Beginn der Corona-Pandemie mit persönlichen Ängsten, einem problematischen Arbeits- und Gesundheitsschutz, Kurzarbeit sowie einer Fülle von neuen Verordnungen und daraus resultierenden Unklarheiten und Unsicherheiten konfrontiert gewesen. „Insgesamt“, so Elke Alsago, „standen und stehen die Fachkräfte in einem schwierigen Spannungsfeld zwischen Pädagogik und Hygienevorschriften“.

In der Folge skizzierte Elke Alsago Gelingensbedingungen für die Bewältigung der Krise auf den verschiedenen Ebenen des KiTa-Systems. So sei auf Länderebene die gemeinsame Aushandlung von Regelungen durch alle betroffenen Akteure wie dem Land, Trägern, Fachkräften, Personalvertretung und Eltern wichtig gewesen sowie die finanzielle Absicherung des KiTa-Betriebs während des Lockdowns und dem eingeschränkten Regelbetrieb. Auf Trägerebene hätten sich starke Unterstützungsstrukturen wie die Fachberatung, eine transparente Kommunikation sowie die digitale Ausstattung und das digitale Know How als entscheidende Faktoren gezeigt. Im Team selbst sei es auf ein kompetentes Krisenmanagement der Leitung, auf die Teamkultur und die Kommunikation mit den Eltern angekommen.

Als grundsätzlich problematisch stellte Elke Alsago den Gesundheitsschutz in den KiTas dar: Fachkräfte seien zugleich einem erhöhten Infektionsrisiko und einem mangelnden Gesundheitsschutz ausgesetzt. Die verbindlichen Arbeitsschutzregelungen für die Corona-Pandemie vom Bund griffen in der KiTa häufig nicht, da hier Abstände nicht eingehalten und der Mundnasenschutz zugleich „pädagogisch nicht vertretbar“ sei. Sie forderte daher eine verstärkte und konsequente Teststrategie der Länder und wies auf eine ver.di-Handlungshilfe rund um den Gesundheitsschutz in Corona-Zeiten hin.

Die Gefahr einer Marginalisierung der KiTa als Bildungsort in der Corona-Krise sah Elke Alsago durch die Reduzierung des öffentlichen Diskurses auf den Betreuungsaspekt sowie durch die Herabsetzung von Qualitätsstandards in den Ländern gegeben. So seien in vielen Bundesländern fachfremde Hilfskräfte zur Unterstützung der Fachkräfte zugelassen worden. Hier sei eine enge zeitliche Begrenzung oder aber eine konsequente Qualifizierungsstrategie notwendig. „Wir müssen aufpassen, dass hier nicht Tür und Tor für eine Deprofessionalisierung des Feldes geöffnet werden“, resümierte Elke Alsago.
 

Studien beleuchten verschiedene Perspektiven im Feld

In einem zweiten Panel der BAG-BEK-Tagung wurden drei aktuelle Studien zum Themenfeld Corona und Kita mit dem Fokus verschiedener Zielgruppen vorgestellt. „Wie Kinder Corona sehen und in der KiTa damit umgehen“ beleuchtete eine von Ruben Wendrock vorgestellte und vom Land geförderte kurzfristige Studie des Kompetenzzentrums Frühe Bildung der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Beteiligt an der Studie waren 10 KiTas in Sachsen-Anhalt, von denen 28 Kinder im Alter von 3-7 Jahren mit qualitativen Interviews befragt wurden. Befragt wurden sowohl Kinder, die in der Notbetreuung waren, als auch Kinder, die während des Lockdowns in den Familien betreut wurden. Die Fragen und Antworten bezogen sich auf verschiedene Hauptkategorien vom „Verständnis von Corona“ über „Veränderungen des pädagogischen Alltags“ bis zu „Zukunftswünschen“ der Kinder.

Zum „Verständnis von Corona“ konnte Ruben Wendrock berichten, dass Kinder „konkrete Vorstellungen über Corona“ und über die Gefahr des Ansteckens und die Gefahr des Virus hätten. Es sei eine „Krankheit, wegen der man zuhause bleiben muss“ und an der „viele sterben“, ein „unsichtbares Wesen“ und „böse“. Die Notbetreuung in der KiTa empfanden die Kinder einerseits als positiv, weil es ruhiger war und es mehr Zeit zum Spielen gab. Andererseits wurden die fehlenden Freund*innen, die räumlichen Beschränkungen und eine reduzierte Anzahl an Spielzeug negativ bewertet. Knapp zwei Drittel der befragten Kinder wurden während des Lockdowns zuhause betreut und sahen dies im Nachhinein vor allen Dingen auch positiv: Weil es viel gemeinsame Zeit mit der Familie gab, weil sie viel draußen waren, viel gebastelt haben und auch häufiger als sonst Medien nutzen durften. Vermisst wurden aber auch hier die Freund*innen aus der KiTa und die KiTa selbst als Lebens-, Lern- und Bildungsort.
 

Eingeschränkte Partizipations-Möglichkeiten der Kinder

Wie Ruben Wendrock weiter ausführte, haben die Kinder den veränderten KiTa-Alltag durch Corona genau registriert. So empfanden sie die Bring- und Abholsituation vor der KiTa einerseits als befremdlich, schätzten aber andererseits auch ihre dadurch größere Selbständigkeit und eine ruhigere Garderobensituation. Negativ wurden auch die eingeschränkten Spielmöglichkeiten und das Abstandhalten sowie die reduzierte Partizipation in der Essenssituation bewertet: Hier durften sie sich nicht mehr selber auftun und wählen, was und wie viel sie essen wollten. Gut fanden die Kinder aber, dass es in der Corona-Zeit häufiger ein „Picknick draußen“ gegeben habe.

Für die Zukunft wünschten sich die Kinder laut den Studienergebnissen vor allen Dingen, dass Corona „weggeht“ und „nie mehr wiederkommt“ und dass das normale Leben wieder Einzug hält. Ganz abgeklärt-philosophisch reagierte ein Kind auf die Frage nach seinen Zukunftswünschen mit der herrlichen Aussage „Die Zukunft darf machen, was sie möchte“.

Zwar sind, wie Ruben Wendrock resümierte, nicht alle Auswirkungen von Corona von den Kindern als negativ eingestuft worden, aber insbesondere wurden die gewohnten Spielgefährt*innen und auch die gewohnte Partizipation und Teilhabe im KiTa-Alltag schmerzlich vermisst. Die mit der Studie erhobenen Erfahrungen und insbesondere auch Lösungsstrategien der Kinder sollen, so Ruben Wendrock, jetzt einen Beitrag zur Entwicklung von (pädagogischen) Konzepten auch für zukünftige Pandemie-Situationen leisten.
 

Gestresste und überforderter Eltern

Prof. Dr. Yvonne Anders von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg stellte eine groß angelegte Studie zur Kindertagesbetreuung und zu Familien mit KiTa-Kindern in der Corona-Pandemie vor. Ziel der im April und Mai 2020 mit über 10.000 Eltern und über 5.000 Fachkräften durchgeführten Studie war dabei „die Erfassung und ein besseres Verständnis der Herausforderungen und Auswirkungen der Corona-Krise auf die (Arbeits-)Situation der jeweiligen Zielgruppe“. Bei den Familien standen so Fragen zur aktuellen Belastung, zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, zur Mediennutzung der Kinder und zur Zusammenarbeit mit der KiTa im Fokus. Bei den Fachkräften wurde der Umgang mit der aktuellen Situation und die Gestaltung der (digitalen) Zusammenarbeit mit Eltern erfasst.

Eltern berichteten so einerseits, dass die zusätzliche Zeit mit ihren Kindern zuhause während des Notbetriebs der KiTas sie mit Freude und Glück erfüllt hätten und dass sie den ruhigeren Alltag als angenehm empfanden. Viele waren aber auch gestresst und fühlten sich von der Situation zuhause überfordert – umso mehr, wenn sie Homeoffice, Kinderbetreuung und Haushalt zusammen zu leisten hatten. Viele waren entsprechend auch „Am Ende der Kräfte“.
 

Digitale Zusammenarbeit von KiTas und Eltern

Von den KiTas gaben 82% an Kontakt zu den Eltern aufgenommen zu haben, darunter 96% Leitungskräfte und 76% Erzieher*innen. Aber nur ein Drittel der Fachkräfte gab an regelmäßig Kontakt zu den Familien zu haben und z.B. Tipps für Aktivitäten zu geben. Drei Viertel der Kontakte mit den Eltern liefen dabei über digitale Wege wie E-Mail, Chat oder Online-Portale. Fast die Hälfte der Fachkräfte gab an, dass sich ihre Einstellung zu digitalen Medien während der Corona-Krise positiv verändert und diese, so Yvonne Anders, „damit ihren Angststatus“ verloren hätten. Als die größten Hürden in der digitalen Zusammenarbeit mit Eltern hob Yvonne Anders „datenschutzrechtliche Bedenken“, „ungeeignete Hardware und Software“ sowie „mangelnde technische und pädagogische Unterstützung“ hervor.

Als Fazit ihrer Studie unterstrich Yvonne Anders, dass „die Fachkräfte einerseits die Bedeutung der Zusammenarbeit mit Eltern zur Umsetzung ihres Bildungsauftrags sehen“. Andererseits hätten die Einrichtungen aber keine Konzepte dazu entwickelt, wie sie eine (digitale) Elternzusammenarbeit gestalten können, die sowohl die Eltern darin unterstützt ein optimales Entwicklungs- und Lernumfeld für ihre Kinder zu schaffen als auch den eigenen Bildungsauftrag integriert.
 

Aktuelle Daten zu Infektionen und Schließungen im KiTa-Bereich

Als dritte Studie stellte PD Dr. Susanne Kuger vom DJI das Konzept und erste Ergebnisse der umfassenden gemeinsamen Corona-Kita-Studie von DJI und RKI vor. Zentrale Forschungsfragen seien dabei:

  1. Unter welchen Bedingungen wird die Kindertagesbetreuung während der Corona-Pandemie angeboten?
  2. Welche Herausforderungen sind für die Kindertagespflege und die Kindertageseinrichtungen, das Personal und die Familien von besonderer Bedeutung?
  3. Unter welchen Bedingungen gelingt eine schrittweise, kontrollierte (Wieder-) Öffnung von Angeboten?
  4. Wie hoch sind die damit einhergehenden Erkrankungsrisiken für alle Beteiligten?
  5. Welche Rolle spielt die Gestaltung der schrittweisen Öffnung für die weitere Verbreitung von SARS-CoV-2, und welche Rolle kommt dabei Kindern zu?


Als (Daten-)Grundlagen und Methoden der interdisziplinären und bis Ende 2021 angelegten Studie führte Susanne Kuger die Literaturanalyse, Meta-und Sekundärdatenanalysen, Surveyerhebungen sowie anlassbezogene Corona-Testungen in den KiTas an.

Ungefähr seit der in den Bundesländern zeitversetzten Wiederaufnahme des eingeschränkten Regelbetriebs zeigt die Studie ein relativ gleichbleibendes Niveau von rund 7-8% Verdachtsfällen in KiTas bei Mitarbeiter*innen, Kindern oder Eltern. Die bestätigten Infektionsfälle stiegen im gleichen Zeitraum von ungefähr 0,5% auf gut 1,5%. Von den Infektionsfällen sind dabei nur ein Drittel der Kinder, aber rund zwei Drittel der Erwachsenen betroffen. Insgesamt seien seit dem Lockdown in 72 KiTas und Horten 381 Infektionsfälle aufgetreten.

Mit rund 4% auf gleichbleibendem Niveau zeigte sich der Anteil der Fachkräfte, die coronabedingt nicht unmittelbar mit den Kindern bzw. gar nicht arbeiten können. In den ersten Studien-Ergebnissen sah Susanne Kuger abschließend auch einen eindeutigen Trend dazu, bei Infektionsfällen nicht mehr ganze KiTas, sondern nur noch Gruppen zu schließen. In der 41. KW sind so bundesweit knapp 0,5 der KiTas ganz geschlossen worden und in knapp einem Prozent wurden einzelnen Gruppen geschlossen.

 

Zusammenarbeit in Fach-AG‘s

Nach dem Blick auf die aktuelle Situation und die Herausforderungen der Corona-Pandemie auf die frühkindliche Bildung gingen die Teilnehmer*innen der Tagung in sechs verschiedene ständige Facharbeitsgruppen der BAG-BEK. Aber auch hier spielte das Thema Corona eine zentrale Rolle und so wurde in der AG Fach- und Berufspolitik insbesondere über die Absenkung der Qualitätsstandards in den Bundesländern diskutiert. Hierzu hatte AG-Sprecher Jannes Boekhoff eine Synopse vorbereitet, aus der deutlich wurde, dass in verschiedenen Bundesländern eine Erhöhung der Gruppengröße und / oder eine Reduzierung des Mindestpersonalschlüssel und / oder die Aufweichung der erforderlichen Zugangsqualifikationen erlaubt worden ist. So konnten zusätzlich finanzierte fachfremde Hilfskräfte oder auch Freiwilligendienstleistende allein mit einem erweiterten Führungszeugnis Zugang in die KiTas bekommen. Außer in Niedersachsen, so Boekhoff, seien die reduzierten Qualitätsstandards zeitlich zunächst nicht begrenzt. „Wen lassen wir in die KiTas mit welchem Profil rein und wie gehen wir mit diesen neuen Kräften in der Zukunft um“ war eine der zentralen Fragen in der AG. In diesem Sinne soll in der AG möglichst in Kooperation mit weiteren Verbänden / Initiativen auch weiter an einem Gesamtkonzept für ein durchlässiges Ausbildungssystem gearbeitet werden.

In der AG Fachberatung wurde insbesondere ein jüngst verabschiedetes Positionspapier zur Fachberatung unter Corona-Bedingungen vorgestellt und diskutiert. Beleuchtet wird hier die aktuelle Arbeitssituation der Fachberater*innen sowie die Auswirkungen der Corona-Situation auf ihr professionelles Handeln und entsprechende Formen und Inhalte. Im Fokus steht dabei einerseits die Frage, welchen Beitrag Fachberater*innen für die Aufrechterhaltung des Angebotes in der aktuellen Situation geleistet haben und was sie dabei wiederum gestützt hat. Andererseits wird gefragt, wie gleichzeitig die Sicherstellung des originären Erziehungs-, Bildungs- und Schutzauftrages von Kindertageseinrichtungen geleistet werden kann. Das Positionspapier schließt mit acht Forderungen an Politik und Träger.

In der AG Forschung wurde insbesondere eine von der BAG-BEK kofinanzierte Studie zu „Kindheitspädago*innen in Fachschulen“ vorgestellt und diskutiert. Aus den Leitfadeninterviews mit derzeit als Lehrkräften oder Schulleitungen tätigen KiPäds geht eine hohe Identifikation mit dieser Tätigkeit hervor, die „stimmig“ mit dem Profil sei. Konstatiert werden konnte eine gewisse „Praxisflucht“ und eine Vision mit der eigenen Tätigkeit als Ausbildner*innen unter dem Ideal der Bildungsbegleitung und einem „Dialog auf Augenhöhe“ zur Professionalisierung des Feldes beizutragen. Insgesamt zeigten die Leitfadeninterviews eine „hohe Zufriedenheit“ mit der gewählten Arbeitsstelle.
 

Karsten Herrmann
 


Zu den Themen und Terminen aller BAG-BEK-Fach-AG's geht es hier


Dokumentation:

Präsentation Elke Alsago

Präsentation Ruben Wendrock

Präsentation Yvonne Anders

Präsentation Susanne Kuger
 

Kurzprotokolle und Präsentationen aus den AG's:

AG Fachberatung Kurzprotokoll

AG Forschung Kurzprotokoll

AG Forschung Präsentation

AG Kinderrechte Kurzprotokoll