Gemeinsam das KiTa-System vorwärts bringen

Das System KiTa stellt ein komplexes Beziehungsgeflecht mit unterschiedlichen Verantwortlichkeiten auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene dar. Doch wie lässt es sich gemeinsam gestalten und qualitativ weiterentwickeln? Diese Fragen standen im Fokus der digitalen Herbsttagung der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit (BAG-BEK).

Zur Begrüßung markierte die BAG-BEK-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Tina Friederich das kompetente System als Zielmarke und dies könne nur erreicht werden, „wenn alle Akteure zusammen an einem Strang“ ziehen. Dafür müsse man sich auch genauer anschauen, welche Akteure welchen Einfluss haben und wer wie von der Bedeutung einer qualitativ hochwertigen frühkindlichen Bildung noch überzeugt werden müsse. Dies geschah auf der Tagung mit zwei Fachvorträgen von Prof. Dr. Petra Strehmel und Prof. Dr. Susanne Viernickel sowie einer Podiumsdiskussion.

Welchen Einfluss haben (Träger-) Verbände?

In ihrem Auftaktvortrag stellte Prof. Dr. Petra Strehmel, emeritierte Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie und langjähriger BAG-BEK-Vorstand das internationale Projekt „POLCAP“ zur politischen Einmischung und Interessenvertretung im KiTa-System am Beispiel der Länder Finnland, Norwegen und Deutschland vor. Als (Interessen-)Verbände definierte sie Zusammenschlüsse der Nutzer*innen wie z. B. die Elternverbände, Verbände der Professionellen (z.B. Fachverbände wie die BAG-BEK, die Gewerkschaften oder Fachkräfteverbände) sowie Trägerverbände für die Kita-Anbieter. Diese teilten sich wiederum in öffentliche, frei-gemeinnützige sowie privat-gewerbliche auf und standen im Fokus des Projektes. Insgesamt bildeten die unterschiedlichen Verbände eine „Verantwortungsgemeinschaft für die frühkindliche Bildung“.

Als originäre Aufgaben der Trägerverbände hob Petra Strehmel die „Beratung und Unterstützung der KiTas“ sowie die „politische Interessevertretung“ heraus. Ihre politischen Kapazitäten unterteilten sich wiederum in eine operative, analytische, politische (Lobbyarbeit), kommunikative (PR) und relationale (Netzwerke) Dimension.

Mittels Expert*innen-Interviews mit Trägervertreter*innen und der Administration wurden im POLCAP-Projekt die Strukturen und Ziele sowie die politischen Kapazitäten der Verbände näher untersucht. Das deutsche KiTa-System unterschied sich dabei im Vergleich zu Finnland und Norwegen insbesondere im Hinblick auf den Föderalismus und das Prinzip der Subsidiarität, mit dem freie Träger Vorrang vor öffentlichen haben – bei gleichzeitiger staatlicher Kontrolle durch die Jugendämter. Im Durchschnitt sind in Deutschland so auch 64% in frei-gemeinnütziger Trägerschaft, 3% in privat-gewerblicher und 33% in öffentlicher Trägerschaft. „Insgesamt“, so die Organisations-Psychologin, „ist das deutsche KiTa-System durch eine hohe Heterogenität und große Unterschiede auch zwischen den Bundesländern geprägt.“ Im Hinblick auf die Dimensionen der politischen Kapazität sei festzustellen, dass die Verbände der freien Wohlfahrtpflege in Deutschland wie AWO, Paritätischer, DRK, Diakonie oder Caritas mit wenig hauptamtlichem Personal ausgestattet seien und die Mitglieder und ehrenamtliches Engagement als wichtige Ressource gelten.

Föderalismus und Subsidiarität als zentrale Merkmale

Neben dem Föderalismus und der Subsidiarität sei das deutsche Modell der Verbandsstrukturen und -kulturen auch stark durch einen Austausch bzw. Verhandlungen zwischen Trägerverbänden und Ministerien sowie die Orientierung an fachlichen Standards und den Interessen der Kinder geprägt. Eine besondere Rolle spielten aber auch die Fachverbände mit ihrer wissenschaftlichen Expertise und ihren intensiven Diskursen – wie z.B. die BAG-BEK, der PFV oder auch die PdfK der DGfE. Diese bildeten eine wichtige Ressource für die Weiterentwicklung der frühkindlichen Bildung.

Insgesamt musste Petra Strehmel aber auch konstatieren, dass das KiTa-System und die frühkindliche Bildung in Finnland und Norwegen einen wesentlich höheren gesellschaftlichen Stellenwert besitzt und auch entsprechend deutlich besser finanziert ist. Dies rufe aber insbesondere auch in Norwegen kommerzielle „Wohlfahrtsprofiteure“ auf den Plan – ein Trend, der in Deutschland nur langsam, aber kontinuierlich zunimmt.

Politikberatung durch Wissenschaft

Im zweiten Fachvortrag stellte die ebenfalls emeritierte Prof. Dr. Susanne Viernickel das konkrete Beispiel eine individuellen empirisch fundierten Politikberatung vor. Im Auftrag von Bündnis 90/Die GRÜNEN in Thüringen hatte sie zusammen mit einer Kollegin eine Expertise für die Weiterentwicklung der frühkindlichen Bildung in Thüringen erstellt. Als weitere Formen der Politikberatung nannte sie „Wissenschaftliche Kommissionen“ auf Bundesebene, „Transfer-Institute“ wie das IFP, nifbe oder IBEB sowie „temporäre Expert*innen-Gremien“.

Die Expertise baute sich auf durch eine Definition des Qualitätsbegriffs, Literaturrecherche, Dokumentenanalyse, einem Runden Tisch mit Trägervertreter*innen sowie einer Stärken-Schwächen-Analyse (SWOT). Im Ergebnis wurden strategische Ziele und Operationalisierungen zusammengefasst.

Schlaglichtartig ging Susanne Viernickel auf Wirkpfade der verschiedenen Qualitätsdimensionen ein, so z.B. von den Strukturmerkmalen Personalschlüssel und Qualifikationsniveau auf die Prozessqualität. Grundsätzlich sei es allerdings aufgrund sehr vieler Einflussgrößen sehr schwierig hier direkte Wirkzusammenhänge empirisch eindeutig festzustellen. Eines stellt sie aber klar heraus: Bildungsprogramme, Handreichungen, Qualitätsstandards oder externe Evaluationen könnten nur dann einen positiven Einfluss auf die Qualität haben, wenn sie durch Qualifizierungen und / oder Fachberatung flankiert werden.

In der SWOT-Analyse der KiTa-Landschaft in Thüringen ergab sich auch genau hier neben weiteren Faktoren wie unzureichende Personalschlüssel und geringe Leitungs-Freistellung eine zentrale Schwäche: Der Versuch einer starken Inputsteuerung ohne entsprechende flankierende Qualifizierung sowie ohne Monitoring und Evaluation.

Eine zentrale Empfehlung der Expertise lautet daher auch, das KiTa-System in Thüringen wirkungsorientiert zu steuern – und zwar im Sinne eines langfristig angelegten, partizipativen Prozesses. Weitere strategische Empfehlungen mit entsprechend hinterlegten Maßnahmepaketen waren die „Verbesserung der Personalsituation in KiTas“ sowie die weitere Förderung der „Professionalisierung und Gesundheit von KiTa-Teams“.

Abschließend stellte Susanne Viernickel zentrale Fragen zu dieser Art von Politikberatung zur Diskussion: Einerseits verspräche sie wissenschaftliche Wirksamkeit, andererseits berge sie die Gefahr von (parteipolitischer) Instrumentalisierung. Wissenschaft und Politik seien zudem durch unterschiedliche Motive und Handlungslogiken und auch ein Machtgefälle geprägt. Eine wichtige Rolle könnten hier daher auch sogenannte „knowledge broker“ oder „intermediaries“ als Zwischeninstanzen einnehmen. Einen weiteren wichtigen Aspekt brachte Bettina Stobbe vom PFV ein: nämlich das komplizierte Verhältnis zwischen (partei-) politischen Initiativen wie einer solchen Expertise mit ihren Empfehlungen und den parallelen Strategien und Gesetzgebungsverfahren der ministeriellen Administration. Hier müssten möglichst immer beide Seiten frühzeitig gemeinsam beteiligt werden.

Wie klappt das Zusammenspiel der Akteur*innen?

In einer die Tagung abschließenden und von Tina Friederich moderierten Podiumsdiskussion wurde von Wissenschaft, Trägervertreter*innen und dem Bildungsministerium das Zusammenspiel der Akteure erörtert und insbesondere auch beleuchtet, wie man zu mehr politischer Überzeugungskraft kommen könne.

Claudia Fligge-Hoffjann vom BMBFSFJ stellte grundsätzlich ein sehr intensives und fruchtbares Zusammenspiel der Akteure in vielen unterschiedlichen Gremien und Austauschrunden fest. Zudem würden von ihrem Ministerium immer wieder auch wissenschaftliche Expertisen zu zentralen Fragen der Qualitätsentwicklung in Auftrag gegeben. „Auf der Fachebene“, so führte sie aus, „sind wir auch nicht weit voneinander entfernt“, aber dann würden komplexe politische Prozesse folgen, an deren Ende immer eine Kompromisslösung stehe. Die Fortschritte seien daher zumeist eher klein, aber es seien Fortschritte – und für diese brauche es auch immer den Druck der Verbände.

Bestätigt wurden das gute Zusammenspiel der fachlichen Akteur*innen im vertrauensvollen Miteinander und mit hohem fachlichen Konsens auch von Niels Espenhorst vom Paritätischen Gesamtverband und von Judith Adamczyk vom AWO Bundesverband. Exemplarisch stehe dafür die Entwicklung des KiTa-Qualitätsgesetzes zusammen mit den Ländern sowie dem Städte- und Gemeindebund.

Schwund auf dem Weg in die Politik

Grundsätzlich bestätigten auch Petra Strehmel und Susanne Viernickel die Wertschätzung von wissenschaftlicher Expertise in den Fach-Ministerien. Aber diese Expertise drohe im politischen Prozess verloren zu gehen oder – z.B. bei missliebigen Evaluationsergebnissen – in der Schublade zu verschwinden.

Niels Espenhorst merkte selbstkritisch an, dass „es uns in der Vergangenheit zu wenig gelungen ist, unsere Botschaft von der Bedeutung der frühkindlichen Bildung im politischen Raum zu verankern“. Dies mache sich auch in der aktuellen politischen Diskussion um wirksamkeitsorientierte Pädagogik, Sprachtests und Schulvorbereitung bemerkbar, die dem eigenen Bildungsverständnis der KiTa widerspreche. Hier sei es notwendig den Bildungsauftrag und das Bildungsverständnis gemeinsam mit der Politik zu diskutieren und sich zu profilieren.

Immer wieder kam die Diskussion auf den wunden Punkt zurück, dass es in Deutschland noch nicht gelungen ist, für das KiTa-System eine hohe politische und gesellschaftliche Wertschätzung sowie entsprechende Investitionen zu erreichen – trotz einer Vielzahl von Stellungnahmen, Positionspapieren und Petitionen zum Krisenmodus und drohenden Kollaps des KiTa-Systems in den vergangenen Jahren. Hier wurden von den Diskutant*innen daher Image- oder Aufklärungskampagnen ins Spiel gebracht, um der Öffentlichkeit ein positives Bild der KiTa und ihre grundlegende Bedeutung für die zukünftige Bildungs- und Berufsbiographie unserer Kinder zu vermitteln. Dafür benötige es einer konzertierten Aktion aller Beteiligten und einer langfristigen Planung und Strategie.

„Mut zur Vereinfachung“

Claudia Fligge-Hoffjann wies an dieser Stelle darauf hin, dass Politiker*innen in Legislaturperioden denken und auf kurzfristige Erfolge schauen. Erschwerend komme aktuell eine kritische Haushaltslage hinzu. Im Hinblick auf die Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen an die Politik unterstrich sie, dass diese wenig Zeit zu lesen hätten und daher „kurze und prägnante Darstellungen brauchen“. Hier müsse man den „Mut zur Vereinfachung“ haben und auch (volks-) wirtschaftlich argumentieren.

Insgesamt, so wurde auch in den Beiträgen der Tagungsteilnehmer*innen deutlich, braucht es wieder ein positiveres Image für die KiTa und auch die systematische Herstellung von Transfer- und Transformationsräumen für die wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um die frühkindliche Bildung. Unterstrichen wurde dabei die Rolle der BAG-BEK als Plattform für Vernetzung, den interdisziplinären Austausch und das „gemeinsam wirksam werden“.

 

Präsentation Petra Strehmel

Präsentation Susanne Viernickel

 

Bericht: Karsten Herrmann