Diese Fragen nahmen aus unterschiedlichen Perspektiven Dr. Elke Alsago, Prof. Dr. Claudia Hruska und Dr. Sophie Koch unter der Moderation von Eva Wingerter-Knoke (DKJS) in den Blick. Sie gingen dabei auf die aktuellen Herausforderungen, wirksame pädagogische Ansätze der Sprachförderung und -beobachtung sowie auch auf die dafür notwendigen strukturellen Voraussetzungen ein.
Überall steckt Sprache drin
Einführend schilderte Claudia Hruska, Professorin für Pädagogik der Kindheit mit dem Schwerpunkt Kommunikation und Sprachbildung an der ASH Berlin, dass Kinder von Geburt an auf Kommunikation ausgelegt sind und sich gesehen und gehört fühlen möchten. Kommunikation sei dabei ein gegenseitiges Nehmen von Signalen wie Mimik, Gestik, Lauten und schließlich der Sprache.
Daran anschließend skizzierte Dr. Sophie Koch, Referentin beim Bundesverband der Volkssolidarität, die Grundlagen einer gelingenden Sprachförderung in der KiTa: „Die Förderung der Sprache muss in sinnvolle und ganzheitliche Handlungszusammenhänge eingebettet sein und sich dabei von den Interessen der Kinder leiten lassen.“ Hierfür bräuchten Fachkräfte eine kommunikative Handlungskompetenz und ein vielfältiges Methodenrepertoire, dass vom handlungsbegleitenden Sprechen über das korrektive feedback bis zur Literacy-Vermittlung reiche. Die klinische Sprechwissenschaftlerin, die auch Mitautorin einer empfehlenswerten aktuellen Expertise zur Sprachförderung ist, unterstrich, dass überall in der KiTa Sprache drinsteckt und es entsprechend gelte „Potenziale zu nutzen, vielfältige Sprachanlässe zu schaffen und den Kindern Impulse zu geben“. Fachkräfte müssten sich dabei auch stetig ihre Rolle als Sprachvorbild vergegenwärtigen und der Sprachvielfalt und Mehrsprachigkeit in der KiTa offen und ressourcenorientiert begegnen.
Dr. Elke Alsago, Fachgruppen-Leiterin bei ver.di, hob das „Vorlesen als riesige Chance“ heraus, um literacy zu vermitteln – denn Kindern hätten hierbei „einen Riesenspaß“ und könnten in andere Welten eintauchen. Sie empfahl, in der KiTa auch zusätzliche Ressourcen für das Vorlesen zu schaffen, zum Beispiel durch „Leseomas“, „Lesepaten“ oder auch (mehrsprachige) Eltern. Grundsätzlich unterstrich sie, dass „jedes Kind schnell Sprache lernt, wenn es ihm wichtig ist, sich mitzuteilen“. Dafür müssten Kinder sich aber angenommen und respektiert fühlen: „Wir müssen Kindern unser wirkliches Interesse an ihnen signalisieren und sie zum Sprechen ermutigen!“
In diesem Kontext brachte Claudia Hruska auch aktuelle Studienergebnisse ein, nach denen es einen riesigen Unterschied zwischen aktivem und passivem Wortschatz gibt: „Kinder verstehen oftmals viel mehr als angenommen und trauen sich aber nicht zu sprechen.“ Damit alle Kinder gezielt ermutigt und gefördert werden können, müssten aber auch die Rahmenbedingungen stimmen und entsprechende Zeit pro Kind zur Verfügung stehen.
Mehrsprachigkeit – ein Problem?
Großen Raum nahm in der Diskussion die Herausforderungen durch die Mehrsprachigkeit ein – ein Thema, dass immer noch mit vielen falschen Mythen und Vorurteilen verbunden ist (s. auch Lese-Tipp). In deutschen KiTas haben mittlerweile rund ein Drittel der Kinder Migrationshintergrund und entsprechend oft auch eine andere Muttersprache als Deutsch. Sophie Koch unterstrich, dass Mehrsprachigkeit an sich kein Problem ist und keinesfalls automatisch Sprachförderbedarf bedeute. Vielmehr müssten die „vielfach belasteten Lebenslagen von Eltern“ stärker in den Blick genommen werden – denn diese seien viel entscheidendere Faktoren für die Sprachdefizite von Kindern. Die Herangehensweisen der Sprachbildung und -förderung seien bei Kindern mit Deutsch oder einer anderen Muttersprache prinzipiell gleich.
Scharf kritisierten die Diskutantinnen eine unterschiedliche Wertschätzung der Sprachen oder gar einen „Sprachenrassismus“ in der KiTa: Während Englisch oder Französisch hoch im Kurs stünden, blicke man auf Türkisch oder Arabisch eher geringschätzig. Dies führe häufig auch zu einem kritischen oder überkritischen Blick auf die Sprachkompetenzen von Kindern aus der nicht-westlichen Welt. Claudia Hruska wies an dieser Stelle auch auf die großen Defizite von herkömmlichen Sprachtests oder Screenings hin, die mehrsprachige Kompetenzen nicht erfassen bzw. nicht in die Auswertung fließen lassen. Daher müsse man bei diesen Kindern „ganz genau hinsehen und hinhören“ und sie prozessorientiert beobachten. Es empfehle sich hier auch die Sprachkompetenz des Kindes in der Familiensprache über die Eltern zu eruieren, um dann „Brücken in die deutsche Sprache zu bauen“. Grundsätzlich sollten KiTas eine „Willkommenskultur“ für die Vielfalt von Sprachen vermitteln.
Lesetipp zum Thema Mehrsprachigkeit
In einem hier kostenlos abzurufenden nifbe-Professionalisierungsbeitrag von Anna Dintsioudi und Julia Krankenhagen wird die ressourcenorientierte Begleitung von Mehrsprachigkeit von Anfang an in den Blick genommen. Der Einstieg in die Thematik erfolgt über die entwicklungspsychologische Perspektive zu Spracherwerb und Mehrsprachigkeit im Allgemeinen und das Beleuchten von hartnäckigen Mythen des Mehrsprachigkeitserwerbs im Besonderen. Diskutiert werden in diesem Heft verschiedene pädagogische Ansätze zur Begleitung von Mehrsprachigkeit und es werden konkrete Handlungsstrategien zum Umgang mit dem Normalfall Mehrsprachigkeit formuliert und an Beispielen verdeutlicht.
Prozessorientiert Beobachten und Dokumentieren
Ein weiterer zentraler Diskussionspunkt des KiTa-Dialogs war die Frage der Beobachtung und Dokumentation sowie von standardisierten Tests und Screenings. Elke Alsago unterstrich, dass „gute Beobachtungs- und Dokumentationsinstrumente“ und ihr kontinuierlicher Einsatz wichtig seien. Einig waren sich die Diskutantinnen darin, dass einmalige Tests und Screenings wenig bringen, sondern dass alltags- und prozessorientierte Verfahren wie Portfolios, Lerngeschichten oder Kinderdiktate zu empfehlen seien. Entscheidend sei es, den Kindern genau zuzuhören und dabei auch zentrale Marker und Meilensteine der sprachlichen Entwicklung auf Laut-, Wort- und Grammatikebene im Auge zu behalten. Dafür brauche es auch ein fundiertes Wissen der Fachkräfte und Elke Alsago empfahl daher, dass sich Teams über gemeinsame Fortbildungen auf einen einheitlichen Stand bringen.
Sophie Koch stellte in diesem Zusammenhang auch klar, dass rund 7-8 % der Kinder in der KiTa tatsächlich Sprachentwicklungsstörungen aufweisen. Diese Kinder müssten möglichst frühzeitig identifiziert werden und entsprechende Therapien bekommen. Sie empfahl, nicht zu lange zu warten und Verdachtsfälle im Zweifelsfall extern diagnostisch-therapeutisch abklären zu lassen. Besonders schwierig sei das Erkennen eine Sprachentwicklungsstörung bei mehrsprachigen Kindern. An dieser Stelle wurde von den Diskutantinnen auch eine bessere Verzahnung zwischen KiTa, Frühförderstellen und Gesundheitssystem gefordert. Die Beobachtungen der Fachkräfte zum Sprachverhalten von Kindern im Alltag könnten zum Beispiel für Kinderärzte sehr wertvoll und aufschlussreich sein.
Einmalige Tests bringen nichts
Im Hinblick auf die im Rahmen des Qualitätsentwicklungsgesetzes von Bildungsministerin Karin Prien geplanten bundesweiten verbindlichen Sprachtests zeigten sich die Diskutantinnen mehr als skeptisch: Einmalige Tests würden nichts bringen und hier würden mit viel Ressourceneinsatz und zusätzlicher Belastung der Fachkräfte viele Zahlen und Daten generiert, aus denen letztlich nicht viel folgen werde. Schon heute würden 94% aller KiTas Test- und Screeningverfahren einsetzen. Beispielhaft voran geht hier der große Träger Fröbel, der die Kinder in seinen KiTas kontinuierlich mit BASIK beobachtet und testet und die Zahlen und Daten im Hinblick auf Förderbedarfe auswertet. Elke Alsago empfahl den KiTa-Trägern, sich den politisch verordneten einheitlichen Sprachtests zu verwehren und sich dabei „auf die eigenen Qualitätsansprüche und bewährten Verfahren zu berufen“.
Lesetipp zum Thema bundesweite Sprachtests:
In einer von zahlreichen Wissenschaftler*innen mitgezeichneten Stellungnahme zeigen Prof. Dr. Timm Albers und Dr. Seyran Bostanci auf, warum bundesweit einheitliche Tests nicht zielführend sind. U.a. heißt es hier: „Die angestrebte Diagnostik läuft jedoch Gefahr, bestehende Ungleichheiten nicht zu verringern, sondern zu verstärken, da sie mit einem weiteren Selektionsrisiko in der Biografie von Kindern verbunden ist. Anstelle einer individuumspezifischen Diagnostik könnten kitabezogene Sozialindikatoren dazu beitragen, Ressourcen zielgenauer auf die Kindertageseinrichtungen zu verteilen und zusätzliche Förderkapazität für Kinder aus weniger anregenden Milieus zu legitimieren.“
Zur Stellungnahme geht es hier
Handlungsbedarf sahen die Diskutantinnen unisono darin, die Kinder aus prekären und belasteten Lebenslagen möglichst früh in die KiTa zu holen – hier gebe es momentan noch starke Zugangshürden und einen verdeckten institutionellen Rassismus. Eine Chance, um auf diese Familien aktiv zuzugehen, biete der demographische Wandel, mit dem der Kampf um KiTa-Plätze sich entspanne.
Abschließend ermunterten die drei Expert*innen die Fachkräfte, im KiTa-Alltag vielfältigste Sprachanlässe zu nutzen und zu schaffen – so z.B. auch beim Essen oder beim Dialogischen Vorlesen. „Gute Sprachbildung ist kein Hexenwerk“ unterstrich Sophie Koch – soweit das notwendige fachliche Wissen und die Zeit vorhanden sind. In diesem Sinne gab Elke Alsago auch den Tipp, den KiTa-Alltag einmal systematisch zu entschlacken, um mehr Raum für den Dialog mit den Kindern zu schaffen.
Rahmenbedingungen verbessern
Klar herausgestellt wurde aber auch, dass die KiTas für eine gute Sprachförderung strukturell besser aufgestellt werden müssen – von einem besseren Personalschlüssel und kleineren Gruppen über systematische Qualifizierung der Fachkräfte bis hin zu unterstützenden Fachberater*innen-Netzwerken. Hier seien Politik, Kommunen und Träger in der Pflicht.
Karsten Herrmann
Die Aufzeichnung zu diesem KiTa-Dialog finden sie auf dem YOUTUBE-Kanal des nifbe
