Zum Auftakt der Veranstaltungsreihe beleuchtete Prof. Dr. Peter Cloos von der Universität Hildesheim mit einem Impulsreferat und im Dialog mit der Fachberaterin Jana Nonne und der KiTa-Leiterin Katja Hillenbrand den Auftrag der KiTas sowie auch zentrale Aspekte der Frühpädagogik und die aktuellen bildungspolitischen Herausforderungen. Wie Moderatorin Eva Wingerter-Knoke von der DKJS einführend erläuterte, sollen die „Kita Dialoge 2025“ auch Antworten auf aktuelle Diskussionen liefern, die im Feld viel Unsicherheit ausgelöst haben – von einem drohenden ideologischen Rollback in der Frühpädagogik über die Forderung nach verpflichtenden Sprachtests bis hin zur bildungspolitischen Verengung des KiTa-Auftrags als Schulvorbereitung. Ziel sei es, den Fachkräften Orientierung und „auch wieder mehr Handlungssicherheit“ zu geben.
Ein ganzheitlicher Blick auf den Bildungsauftrag
In seinem Impulsreferat warf Peter Cloos einen ganzheitlichen Blick auf den Auftrag von KiTa und kritisierte die aktuelle bildungspolitische Verengung. So werde der KiTa-Auftrag in der bundesweiten Diskussion zunehmend von gesellschaftlichen Belangen her definiert und ihm insbesondere eine schulvorbereitende Funktion sowie die Vermittlung von sozio-emotionalen Basiskompetenzen, (deutscher) Sprache, Literacy und Mathematik zugeschrieben. Dies gehe einher mit der Forderung nach Sprachtests, einem verpflichtenden Vorschuljahr und standardisierten Lernsettings.
In Abgrenzung dazu unterstrich Peter Cloos: „Der KiTa-Auftrag muss am Kind ansetzen und von den Kinderrechten und den drei Säulen des Schützen, Fördern und Beteiligen ausgehen“. Es gehe um eine gutes Leben im Jetzt und um ein gutes Leben in der Zukunft. So sei auch im SGB VIII als Auftrag der Kitas festgeschrieben, die Entwicklung des Kindes zu einer selbstbestimmten, eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu fördern. Als zentral stellte er die Teilhabe und Mitbestimmung von Kindern und damit auch eine Demokratiebildung heraus. Die Leitfrage müsse lauten: „Wie wollen wir jetzt und in Zukunft leben?“
Kinder haben Anspruch auf Wohlbefinden
Grundsätzlich, so Peter Cloos, haben Kinder in der KiTa einen Anspruch auf Wohlbefinden und auf eine Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse wie Sicherheit und Orientierung, verlässliche Beziehungen, Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit. Dazu gehöre auch essenziell das freie Spiel.
Im Sinne eines verknüpften Aufgabenverständnisses verbinde die KiTa verschiedene Welten und Settings: von der Familie über das Gemeinwesen bis zur Gesellschaft. KiTa müsse dabei auch Antworten auf zentrale aktuelle Herausforderungen wie dem Klimawandel, Flucht und Migration oder einer gefährdete Demokratie geben. „Dafür brauchen wir gut ausgestattete KiTas“ machte der Erziehungswissenschaftler und ausgebildete Erzieher klar.
Notwendig sei aber auch eine stetige Organisationsentwicklung der KiTas – beispielsweise hin zu multiprofessionellen Teams mit Funktionsstellen oder auch zu Familienzentren als Antwort auf viele aktuelle Herausforderungen wie Armut und Integration. Organisationsentwicklung müsse dabei auch als gesellschaftliches Empowerment gesehen werden.

Verlässliche Beziehungen als Grundlage
Nach dem kompakten Impulsvortrag ging Peter Cloos mit der Fachberaterin Jana Nonne und der KiTa-Leiterin Katja Hillenbrand in den gemeinsamen Dialog. Katja Hillenbrand gab Einblicke in ihre KiTa Rehefelder Straße in Dresden, die 2020 mit dem 2. Platz des Deutschen Kita-Preises ausgezeichnet wurde. Zentral seien hier die offene Gestaltung von Alltagssituationen sowie Wahl- und Beteiligungsmöglichkeiten der Kinder. Dabei gelte es immer die Balance zwischen Freiheit und Grenzen, zwischen einzelnem Kind und der Gemeinschaft zu wahren. Ziel sei das Wohlbefinden der Kinder und als Grundlage dafür brauche es verlässliche Beziehungen. „Das Kind muss das Gefühl haben, dass es so angenommen wird wie es ist“ resümierte sie.
Im Hinblick auf die immer stärkere bildungspolitische Forderung nach verpflichtenden Sprachtests wurde kritisch diskutiert, ob diese ihren intendierten Zweck erfüllen können. Gefragt wurde, wie diese punktuellen Tests der Sprachenvielfalt und dem einzelnen Kind mit seiner wechselnden Tagesform gerecht werden könne. Die zentrale Frage sei aber auch, welche Ableitungen aus den Testergebnissen gezogen und wie diese wiederum unter den gegebenen Rahmenbedingungen umgesetzt werden sollen. Klar wurde: Solche Momentaufnahmen kosten viel Geld und haben eher wenig pädagogischen Mehrwert. Mehr Sinn mache es, die Sprachentwicklung der Kinder in der KiTa prozessbegleitend zu beobachten und zu dokumentieren oder aber, wie Jana Nonne es formulierte, „anlass- und stärkenbezogen mit angemessenen Ableitungen“ zu testen.
Handlungsspielräume trotz fehlender Ressourcen
Intensiv diskutiert wurden von dem Trio aus Wissenschaft und Praxis auch die immer höheren Ansprüche an KiTas, ohne dass die Ressourcen entsprechend erhöht wurden. Obwohl die Be- und Überlastung der KiTas auch in den Medien einen großen Raum einnehme, würde von der Politik nicht gehandelt und die Interessen der Kinder vernachlässigt : „Was fehlt noch, um die Politik zum Handeln zu bringen?“ fragte Jana Nonne ziemlich ratlos. Sie wies auch auf die allenthalben spürbare Resignation und Erschöpfung im Feld hin und gemeinsam konstatiert wurde ein „Umsetzungsdilemma“: Mit den vorhandenen Rahmenbedingungen können Fachkräfte ihre eigenen pädagogischen Ansprüche nicht erfüllen und oftmals „den Laden nur irgendwie am Laufen halten“.
Aber auch unter den nicht ausreichenden Rahmenbedingungen gibt es Katja Hillenbrand und Jana Nonne aufzeigten, noch Handlungsspielräume: So könnten die Konzepte und Abläufe in der KiTa kritisch überprüft und auch – wie z.B. beim Herstellen umfangreicher Portfolios – Abschied von Liebgewonnenen genommen und Entlastung geschaffen werden. „Und manchmal muss man auf einfach ‚Nein‘ sagen!“ sagte Katja Hillenbrand im Hinblick auf die vielen Ansprüche an die KiTa von außen.
Karsten Herrmann
