Daten erziehen nicht - warum gute Bildung mit guter Beobachtung zusammenhängt 

Verpflichtende Sprach- und Entwicklungsstand-Test werden derzeit im Kontext des Starchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetzes des Bundes und jüngst auch in Anbetracht der PISA-Ergebnisse sehr kontrovers diskutiert. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch die Frage, ob KiTa im Hinblick auf Chancengerechtigkeit gezielt auf die Grundschule vorbereiten soll oder ob das ganzheitliche Bildungsverständnis in sozialpädagogischer Tradition handlungsleitend sein soll. Grundsätzlich infrage gestellt wird aber auch die Aussagekraft von punktuellen Kompetenzmessungen und es wird die Frage aufgeworfen, was aus den Ergebnissen für das einzelnen Kind in der KiTa folgen soll bzw. kann – gerade auch unter den oftmals unzureichenden Rahmenbedingungen und Personalressourcen. Wir haben mit Niels Espenhorst, BAG-BEK-Vorstandsmitglied und Referent für Kindertagesbetreuung beim Paritätischen Gesamtverband, über den Begriff „Grundschulreife“, Sinn und Unsinn von punktuellen Tests sowie die Gefahr möglicher Stigmatisierungen gesprochen. Er unterstreicht insbesondere, wie wichtig eine kontinuierliche Entwicklungsbegleitung in der KiTa ist.

 

  • Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Grundschulreife“ und inwieweit ist er für KiTas relevant bzw. sollte es sein?

Die Rede von der „Grundschulreife“ ist aus fachlicher Sicht problematisch und weitgehend überholt. Sie vermittelt den Eindruck, Kinder müssten zu einem estimmten Zeitpunkt festgelegte Entwicklungsmerkmale erfüllen, um für die Schule geeignet zu sein. Aber der Übergang in die Schule hängt nicht allein von den Fähigkeiten des Kindes ab, sondern ebenso von den Bedingungen in Familie, Kita und Schule. Wenn ein Kind bereits mit viereinhalb Jahren offiziell als „nicht grundschulreif“ eingestuft wird, besteht die Gefahr einer frühen Etikettierung. Kinder können das Gefühl entwickeln, nicht zu genügen oder hinter anderen zurückzubleiben. Für Eltern kann eine solche Einstufung Verunsicherung, Druck und die Sorge auslösen, ihr Kind sei „nicht weit genug“. Gleichzeitig wird der Blick häufig auf vermeintliche Defizite des Kindes gelenkt, anstatt auf die Frage, welche Unterstützung und welche Bildungsbedingungen es benötigt.  Ob ein Kind bereits einen Stift sicher hält oder seine Schnürsenkel binden kann, sagt zudem nur sehr begrenzt etwas über seine Lernfähigkeit, Neugier, soziale Kompetenz, Kreativität oder sein Entwicklungspotenzial aus. Die zentrale Frage sollte daher nicht sein, ob das Kind für die Schule bereit ist, sondern ob Schule und Bildungssystem darauf vorbereitet sind, die unterschiedlichen Voraussetzungen und Entwicklungsgeschwindigkeiten von Kindern aufzugreifen und zu fördern.

 

  • Unter dem Aspekt der Chancengerechtigkeit und einer gelingenden Bildungs- und Berufsbiographie wird ja derzeit insbesondere von der Bildungspolitik häufig gefordert, dass in der KiTa die sozio-emotionalen, sprachlichen und mathematischen Basiskompetenzen gezielter gefördert und auch frühzeitig getestet werden müssen. Wie verständlich ist diese Forderung und ist sie mit einem ganzheitlichen Bildungsverständnis unvereinbar?

Ein ganzheitliches Bildungsverständnis steht einer gezielten Förderung von Basiskompetenzen nicht entgegen, es geht aber deutlich weiter. Kindertagesbetreuung hat die Aufgabe, Kinder in ihrer gesamten Persönlichkeit zu stärken, ihre Neugier, Kreativität, Beziehungsfähigkeit, Selbstwirksamkeit, Teilhabe und ihr Wohlbefinden zu fördern. Basiskompetenzen entwickeln sich dabei nicht isoliert, sondern in sozialen Beziehungen, im Spiel, in kulturellen Erfahrungen und in der aktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt. Chancengerechtigkeit entsteht deshalb vor allem durch gute Bildungsbedingungen, ausreichend Zeit für individuelle Begleitung und die Anerkennung unterschiedlicher Entwicklungswege von Kindern. Es geht darum nicht um die Entscheidung zwischen Basiskompetenzen oder ganzheitlicher Bildung, sondern beides so zu verbinden, dass der umfassende Bildungsauftrag der Kindertagesbetreuung erhalten bleibt. Unser Anspruch sollte sein, nicht nur zu fragen, was Kinder mindestens können sollten, sondern vor allem, wie sie ihre vielfältigen Potenziale bestmöglich entfalten können. Dass uns das derzeit nicht ausreichend gelingt, sehen wir, Aber das heißt nicht, dass wir unsere Erwartungen an Kinder herunterschrauben sollten.

 

  • Wie zuverlässig kann man bei viereinhalbjährigen Kindern überhaupt anhand eines einzelnen Testzeitpunkts beurteilen, wie sie sich bis zum Schuleintritt entwickeln werden?

Ein einmaliger Test bildet immer nur eine Momentaufnahme ab und erlaubt nur eingeschränkt Aussagen darüber, wie ein Kind zum Zeitpunkt der Einschulung lernen und sich entwickeln wird. Wesentlich aussagekräftiger ist die kontinuierliche Beobachtung und Dokumentation der Entwicklung in der Kita. Pädagogische Fachkräfte begleiten Kinder über mehrere Jahre hinweg in unterschiedlichen Situationen, beobachten ihre sprachliche, soziale, emotionale und motorische Entwicklung und können Veränderungen sowie individuelle Stärken und Unterstützungsbedarfe deutlich differenzierter einschätzen. Deshalb sind entwicklungsbegleitende Beobachtungsverfahren fachlich sinnvoller als die starke Gewichtung eines einzelnen Testzeitpunkts.  Zudem sind eineinhalb Jahre eine lange Zeit für viereinhalbjährige Kinder, in denen noch jede Menge Entwicklung stattfinden kann! Daher kann man kaum zuverlässige Aussagen treffen, wie der Entwicklungsstand in eineinhalb Jahren sein wird –  man könnte nur feststellen, dass sich die Bedingungen verändern müssen!

 

  • Besteht die Gefahr, dass Kinder durch solche Tests schon früh stigmatisiert oder in eine Defizit-Rolle gedrängt werden – gegenüber Eltern, Erzieher:innen oder später Mitschüler:innen?

Wenn Kinder bereits mit viereinhalb Jahren anhand eines Tests als „nicht grundschulreif“ oder förderbedürftig eingeordnet werden, können sie frühzeitig auf vermeintliche Defizite reduziert werden. Solche Zuschreibungen beeinflussen nicht nur die Erwartungen von Eltern und Fachkräften, sondern auch das Selbstbild des Kindes. Moderne Pädagogik verfolgt deshalb einen ressourcen- und stärkenorientierten Ansatz: Im Mittelpunkt steht nicht die Frage, was ein Kind noch nicht kann, sondern welche Kompetenzen, Interessen und Potenziale es bereits mitbringt. Ziel ist es, Selbstbewusstsein, Selbstwirksamkeit und Freude am Lernen zu fördern. Kinder entwickeln sich besonders gut, wenn sie erleben, dass ihnen etwas zugetraut wird.

 

  • Wie können Kinder und Familien denn vor einer möglichen Stigmatisierung geschützt werden, falls solche Tests eingeführt werden?

Ein Testergebnis sollte stets als eine Momentaufnahme verstanden werden und nicht als Festlegung über die Fähigkeiten oder die zukünftige Entwicklung eines Kindes. Diese kann in der Regel wesentlich besser und differenzierter durch die pädagogische Fachkräfte beurteilt werden, die das Kind über längere Zeiträume im KiTa-Alltag  begleiten und auch ihre Stärken und Interessen kennen. Förderbedarf sollte grundsätzlich auch nicht defizitorientiert kommuniziert werden, sondern als Anlass verstanden werden, Kindern zusätzliche Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen.

 

  • Welche Risiken sehen Sie speziell für mehrsprachig aufwachsende Kinder? Kann ein ausschließlich auf Deutsch ausgerichteter Test dazu führen, dass ein Kind insgesamt als sprachlich schwach wahrgenommen wird, obwohl es über umfangreiche sprachliche Kompetenzen verfügt?

Wenn ein Test ausschließlich die Deutschkenntnisse erfasst, kann leicht der Eindruck entstehen, ein Kind habe insgesamt sprachliche Defizite, obwohl es in seiner Familiensprache oder über beide Sprachen hinweg über einen großen Wortschatz, gute Kommunikationsfähigkeiten und differenzierte Ausdrucksmöglichkeiten verfügt. Eine solche Sichtweise würde Mehrsprachigkeit als Mangel statt als Ressource behandeln. Pädagogisch sinnvoll ist daher, die gesamte Sprachentwicklung des Kindes in den Blick zu nehmen und mehrsprachige Kompetenzen als Stärke anzuerkennen und als Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung der deutschen Sprachkompetenzen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Kinder unterschätzt werden, ihre sprachlichen Potenziale nicht ausreichend wahrgenommen werden und dies Auswirkungen auf die Selbsteinschätzung des Kindes und der Fremdeinschätzung von außen hat.

 

  • Aus der Entwicklungspsychologie ist mittlerweile hinreichend belegt und bekannt, dass Kinder sich in ganz unterschiedlichem Tempo und zuweilen auch in Sprüngen entwickeln. Wie passt eine verbindliche, standardisierte Testung mit starrem Stichtag zu diesem Umstand?

Um Förderbedarfe verlässlich festzustellen, müssen die Lebenssituation, die bisherigen Entwicklungsschritte und die individuellen Voraussetzungen eines Kindes berücksichtigt werden. Dafür müssen sie über mehrere Jahre hinweg in unterschiedlichen Alltagssituationen begleitet und beobachtet werden. Daher können pädagogische Fachkräfte in der KiTa die Entwicklungsverläufe, Interessen, Stärken und Unterstützungsbedarfe sehr viel differenzierter einschätzen als ein einmaliges Testverfahren. In diesem Sinne könnte die Schule durchaus von der Kindertagesbetreuung lernen: Statt Kinder an einem bestimmten Stichtag an vorgegebenen Standards zu messen, sollte stärker auf kontinuierliche Entwicklungsbegleitung und eine individuelle Förderplanung gesetzt werden.

 

Redaktion: Karsten Herrmann